Anke L.* ist Mitte 40, als sie eine neue Stelle als Lehrerin antritt. Mit über zwanzig Jahren Berufserfahrung geht die Pädagogin selbstbewusst und motiviert an die neue Herausforderung ran. Sie liebt ihren Beruf und ist mit Leidenschaft für ihre Kinder da, die sie in den prägenden, ersten Schuljahren begleitet. Entsprechend selbstsicher und dynamisch startet sie in den ersten Arbeitstag an einer Grundschule in Bayern. Als sie das Büro der Direktorin betritt, wird Anke L. mit den Worten begrüßt, die einen entscheidenden Einfluss auf die nächsten vier Jahre ihres Lebens haben sollen.„Wir wollten Sie hier nicht haben. Passen Sie sich an, sonst kriegen Sie Probleme.“
Wenn Differenzen zum Mobbing werden
Mobbing am Arbeitsplatz gehört in Deutschland zum Alltag. Der Begriff Mobbing kommt ursprünglich aus dem Englischen von „to mob“ und bedeutet so viel wie bedrängen, attackieren, angreifen oder über jemanden herfallen. Im deutschsprachigen Raum hat sich dieser Begriff etabliert, wohingegen man im Englischen von „bullying“ spricht. Mobbing liegt dann vor, wenn ein Täter sein Opfer regelmäßig, das heißt über einen längeren Zeitraum schikaniert, benachteiligt oder seelisch misshandelt. Mobbing kann überall vorkommen – in der Schule, am Arbeitsplatz, im Sportverein oder sogar im Gefängnis. Wie viele Opfer solcher Angriffe, weiß auch Anke L. anfangs nicht, dass es sich bei den regelmäßigen Attacken der Schulleiterin um Mobbing handelt. „Ich war mir auf Grund meiner bisherigen Arbeitserfahrung sicher, dass ich die Chefin schnell davon überzeugen kann, dass sie mit mir einen Glücksgriff gemacht hat und ich eine gute Lehrerin bin“, beschreibt die Lehrerin ihre erste Reaktion. Ein halbes Jahr später ist es ihr Bruder, der das Wort „Mobbing“ in diesem Zusammenhang erstmalig benutzt. Anke L. erzählt ihm am Telefon von den Vorfällen an ihrem Arbeitsplatz. Die Pädagogin sucht jedoch die Schuld vorerst bei sich. „Meine innere Einstellung war immer: Wenn es Probleme gibt, muss ich diese ja mit verursachen. Ich habe erst mal jede Situation, so schrecklich sie auch war, völlig fassungslos hingenommen. Und habe dann auch noch versucht, mir Verständnis abzuringen“, beschreibt Anke L. ihr Vorgehen.
Stumme Kollegen
Doch die Vorkommnisse häuften sich. Häufig bittet die Rektorin Anke L. in ihr Büro, um sie dann mit haltlosen Vorwürfen zu konfrontieren. „Sie warf mir vor faul, träge und unzuverlässig zu sein“, sagt die heute 51jährige noch immer fassungslos. Die Kollegen bekamen von den verbalen Angriffen selten etwas mit. „In öffentlichen Versammlungen log sie oder stellte mein Arbeitsverhalten negativ dar, was jeder Grundlage entbehrte. Meine Kollegen waren meistens entsetzt, was ich für eine schlimme Kollegin sei, bzw. was ich für Fehler begangen hätte“, berichtet Anke L. weiter. Erst später erfährt sie, dass sie nicht das erste Opfer der Schulleiterin ist. Es gibt bereits zahlreiche ehemalige Mitarbeiter, die während ihrer Anstellung an der gleichen Schule arbeitsunfähig oder krank wurden. Ein Teil der Betroffenen löste das Problem, durch den Schritt in den Vorruhestand. Ein anderer Kollege reichte Klage beim Arbeitsgericht ein. Ernsthafte Konsequenzen für die Rektorin blieben bis heute aus. Den Kollegen von Anke L. war das Verhalten der Vorgesetzten bekannt. Froh, nicht selbst das Opfer der Angriffe zu sein, schwiegen sie und schützten so die Aktivitäten der Schulleiterin.
Jeder kann Opfer werden
Übergriffe vom Vorgesetzten gegen einen unterstellten Mitarbeiter werden „Bossing“ genannt. Wesentlich häufiger geschehen Mobbing-Konflikte jedoch zwischen Kollegen. Untersuchungen zur Opferforschung zeigen, dass Betroffene nicht zwangsweise exzentrische, schwache Persönlichkeiten sind, sondern mindestens ebenso häufig selbstsichere Angestellte. Grundsätzlich kann jeder zum Mobbing-Opfer werden. Manche Menschen sind jedoch häufiger betroffen, als andere. So verhalten sich potenzielle Opfer bei Kommunikationsprozessen teilweise anders - bezogen auf Sprache, Mimik, Gestik, Art des öffentlichen Auftretens –, als Menschen, die eine geringere Wahrscheinlichkeit haben, Leidtragender von Mobbingangriffen zu sein.
Körperliche Symptome
Ihr Stolz und der Unwille sich selbst als Opfer zu sehen, hielten Anke L. lange davon ab, etwas Konkretes gegen die Attacken ihrer Vorgesetzten zu unternehmen. Erst nach zwei Jahren suchte sie zunächst Hilfe bei einem Mediator. Die externe Hilfe führte zwar kurzfristig dazu, dass sie sich mental gestärkt fühlte und die Situation weiter ertragen konnte, doch langfristig begann ihr Körper zu streiken. Herzrasen, Dauerkopfschmerzen und ein undefinierbarer Druck im Hals begleiteten die Lehrerin über mehrere Monate. Als Anke L. mit den Symptomen zum Arzt ging, konnte dieser keine körperlichen Ursachen finden. Der anhaltend schlechte Zustand wurde für die Pädagogin irgendwann unerträglich. “Ich wollte morgens vom Frühstückstisch aufstehen und konnte mich nicht bewegen. Ich war wie gelähmt. Mein Mann rief dann in der Schule an und meldete mich krank. Danach konnte ich mich wieder bewegen. Dadurch wurde mir klar, dass es mit der Schule zusammenhängt“, beschreibt Anke L. ihren Erkenntnisprozess.
Folgen für den Arbeitgeber
Die Folgen von Mobbing am Arbeitsplatz sind je nach Persönlichkeit unterschiedlich. Laut dem Mobbing-Report der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, können Anzeichen wie Demotivation, starkes Misstrauen, Nervosität, sozialer Rückzug, Ohnmachtsgefühle, innere Kündigung, Leistungs- und Denkblockaden, Selbstzweifel, Angstzustände oder Konzentrationsschwächen auftreten. Wenn man krank zur Arbeit geht und seine Leistungen nicht 100 Prozent abrufen kann, spricht man von Präsentismus. Bei diesem Phänomen lässt die Produktivität des Mitarbeiters stark nach, weil er sich nicht mehr vollständig seiner Arbeit widmet. Neben den persönlichen Folgen für den Betroffenen, können auch finanzielle Belastungen für Unternehmen eintreten, sowie ein möglicher Imageverlust. Der deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) beziffert die Höhe der Kosten eines durch Mobbing bedingten Fehltages auf 103 bis 410 Euro.
Ein neuer Anfang
Ihr psychischer Zustand brachte Anke L. schließlich dazu, den Personalrat einzuschalten. Nach einem klärenden Gespräch mit der zuständigen Schulrätin, nahm sich diese der Problematik an. Der Direktorin wurde daraufhin eine Abmahnung erteilt. Eine Aussprache mit ihrer Peinigerin wurde Anke L. jedoch aus dienstrechtlichen Gründen verweigert. Die Bewältigung des Konfliktes veränderte ihr Leben nachhaltig. Sie wechselte den Arbeitsplatz und begab sich in therapeutische Betreuung. Die Pädagogin lernte, wie man mit Mobbing-Situationen umgehen kann. „Ich habe mich durch die Ereignisse selbst viel besser kennengelernt. Mein Lebensrhythmus hat sich vollständig verändert. Ich bin zur Ruhe gekommen“, sagt die Lehrerin über die Zeit nach den Vorfällen. Dazu gehört auch ein anderer Umgang mit dem Thema Stress: „Ich treibe regelmäßig Sport. Das tut meiner Muskulatur gut, meinem Erscheinungsbild und meinem Selbstwertgefühl.“ Die körperlichen Symptome sind seit dem wie weggeblasen. Für die Zukunft nimmt die 51jährige das Vorhaben mit, sich schneller und bewusster zu wehren, aber auch nicht zum Komplizen zu werden. „Ich will kein Mittäter sein. Gegenüber den Kindern sowieso. Ich versuche darauf zu achten, dass sie respektiert und nicht öffentlich bloß gestellt werden.“
Fair bleiben
Betroffenen gibt Anke L. den Tipp, sich nicht isolieren zu lassen und aktiv nach Verbündeten zu suchen. „Mobbing ist sehr diffizil und mit Manipulation vergleichbar. Erfolgreiches Mobbing geschieht unterbewusst. Am besten man schluckt nichts runter und versucht immer selbstbewusst aufzutreten“, rät die Pädagogin. „Doch vor allem sollte man sich selbst und anderen gegenüber fair bleiben.“
*Name von der Redaktion geändert
T. Nord
01.12.2011