Im Jahr 1965 veröffentlichte das Akademikerpaar Rhona und Robert Rapoport einen Artikel zum Thema „Arbeit und Familie in der zeitgenössischen Gesellschaft“ in einem amerikanischen Fachmagazin. In einer Zeit in der die Rollenverteilung von Mann und Frau klar definiert war, sprachen die Psychoanalytikerin und der Anthropologe von der Herausforderung für beide Partner nach dem Studium einen Job zu finden und eine Familie zu gründen. 1971 folgte eine Studie über „Dual-Career-Couples“ (Doppelkarriere-Paare, Anm. d. Red.), also Partner die parallel zueinander die Karriereleiter erklimmen möchten. Als Pioniere auf dem Gebiet der Vereinbarkeit von Freizeit, Arbeit und Kindern machten sie bereits zur ihrer Zeit darauf aufmerksam, dass Arbeitgeber auf die Bedürfnisse ihrer Angestellten Rücksicht nehmen sollten. Damit stießen die beiden Wissenschaftler eine weltweite Diskussion um familienfreundliche Arbeitsbedingungen an.
Dual-Career-Couples sind keine Randgruppe mehr

Bis heute wird über das Thema heftig debattiert. Durch die steigende Anzahl der Hochschulabsolventen sind „Dual-Career-Couples“ (DCC) längst keine Randgruppe mehr. Laut einer Studie der Continental AG wünschen sich 54% der Akademikerpaare Kinder. Die Mehrzahl würde weiterhin die Familienplanung der Karriere vorziehen. Grund genug für uns, sich das Thema einmal genauer anzusehen. Wir sprachen mit dem Experten Prof. Dr. Michel E. Domsch vom Institut für Personalwesen und Internationales Management der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg. Prof. Dr. Domsch studierte unter anderem an der Harvard Business School und war über neun Jahre lang Koordinator des EU-Netzwerkes „Family & Work“.
Ein Wettbewerbsvorteil auf dem internationalen Arbeitsmarkt
Seit den ersten Artikeln von Rhona und Robert Rapoport ist viel Zeit vergangen. Die Rolle der Frau hat sich sehr verändert. Der Anspruch auf finanzielle Unabhängigkeit, die zunehmende Qualifikation und Karrieremotivation der weiblichen Akademiker führt auch zu einer steigenden Anzahl von „Dual-Career-Couples“. Insbesondere in der Wissenschaft sind diese Partnerschaften auf Augenhöhe zu finden. In den skandinavischen Ländern und Frankreich gehören solche „Lebensstilpioniere“ (Behnke & Meuser 2006) längst zum Alltag. Um also im internationalen Wettbewerb um hochqualifizierte Fachkräfte mithalten zu können, müssen Universitäten und Unternehmen die Bedürfnisse ihrer Angestellten berücksichtigen. Will sich eine Hochschule beispielsweise die Professur eines international anerkannten Experten sichern, muss auch die Arbeitssituation des Partners berücksichtigt werden. Denn verfolgt dieser konkrete, individuelle Karrierepläne, entsteht möglicherweise ein Interessenskonflikt. Die Universität würde also einen Wettbewerbsvorteil schaffen, wenn sie die Pläne des Partners ebenfalls unterstützen könnte. In Hinblick auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zählt auch die Kinderbetreuung zu Wettbewerbsvorteilen auf dem Arbeitsmarkt.
Eine Chance für Unternehmen und Hochschulen
„Dass beide Partner im selben Unternehmen arbeiten, kommt höchst selten vor“, merkt Prof. Dr. Domsch an. „Arbeitgeber schließen sich zum Teil entsprechenden Netzwerken an und bilden eigene Praxiskontakte zu Verbänden oder Hochschulen, um auch dem Partner eine attraktive Jobperspektive bieten zu können. Dennoch ist eine gleichberechtigte Karriere nicht immer möglich“, so der Experte. Unternehmen sollten weiterhin flexible Arbeitszeiten und Einsatzorte und eine optimale Work-Life-Balance ermöglichen, um das Thema aktiv zu gestalten. „Es gehört zur Arbeitgeberattraktivität hier gute Angebote zu machen, um im Wettbewerb um die High Potentials punkten zu können“, ergänzt Domsch. Die ersten Hochschulen (München, Aachen) reagierten bereits auf den Trend und richteten einen DCC-Beratungsservice ein.
Eine kostspielige Angelegenheit
Die Rekrutierung von hochqualifizierten Fachkräften ist eine kostspielige Angelegenheit. Dennoch sieht Prof. Dr. Domsch eine Win-Win-Situation für Arbeitgeber und Arbeitnehmer: „Das Unternehmen erhält Potenzial und der Angestellte einen Job, der mit dem Privatleben vereinbar ist. Es ist meist günstiger einmal in eine Fachkraft zu investieren, als den Experten schnell wieder zu verlieren oder stressbeladen weiterzubeschäftigen“, so der Betriebswirtschaftler.
Der gemeinsame Traum von Familie und Karriere
Schon die Rapoports zeigten, dass Gleichberechtigung nicht nur ein Thema in Personalabteilungen ist, sondern auch in Beziehungen. So wird die Kinderbetreuung mehrheitlich als typische Frauenaufgabe gesehen. Doch trotz der tiefen historischen und gesellschaftlichen Verankerung dieser Rollenverteilung, findet langsam ein Umdenken in den Köpfen der Menschen statt. „Trotzdem ist der Idealzustand noch weit entfernt“, so Domsch. „Bei Dual-Career-Couples ist die Kinderbetreuung auch keine Frage des Geldes, da beide Partner in der Regel ein hohes Einkommen haben. Mit den entsprechenden finanziellen Mitteln ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf besser zu bewältigen. Schwierig wird es dann, wenn einer der Partner auf die erträumte Karriere verzichtet, um die Familienplanung zu realisieren.“
Eine gleichberechtigte Partnerschaft als Grundlage
Ehrgeizigen Paaren mit Kindern oder Nachwuchsplänen, gibt Prof. Dr. Domsch daher folgenden Tipp mit auf den Weg: „Man sollte sich untereinander einig werden, welche Ziele mit welchen Anstrengungen, Flexibilitäten, Vorteilen und Verzichten erreichbar sind. Außerdem sollten sich interessierte Partner gezielt über Unternehmen informieren, die für ihr Engagement im Gender- und Diversitybereich bekannt sind." Eine gute Grundlage für solche Recherchen bietet die Plattform genderdax.de. Hier finden hochqualifizierten Paare einen umfassenden Überblick über Karrierechancen bei Unternehmen in Deutschland. Bei der gemeinsamen Lebensplanung ist viel Eigeninitiative gefragt. Prof. Dr. Domsch rät abschließend: „Man sollte nicht auf den Arbeitgeber warten, sondern das Thema aktiv ansprechen. Die Basis für ein glückliches berufliches und familiäres Leben ist und bleibt jedoch die gegenseitige Anerkennung des gleichberechtigten Karrierewunsches in der Partnerschaft.“
T. Nord
20.01.2012