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Das Streben nach … Perfektion? Ansprüche moderner Eltern

Wie werden Kinder glücklich?

Auf der Zielgerade zum absoluten Glück: Über Eltern, die das Glück Ihrer Kinder erzwingen wollen und dabei das Wesentliche übersehen.

Übervorsichtig

Viele Eltern verfolgen heutzutage eine Erziehung ohne Stolpersteine. Der bekannte dänische Pädagoge Jesper Juul nennt diese Eltern auch „Curling-Eltern“. Sie verbieten dem Nachwuchs gefährlich anmutende Aktivitäten, halten Stress und negative Themen von ihnen fern und erfüllen Kinderwünsche, bevor diese überhaupt geäußert wurden. Geistige Fortschritte macht ein Kind aber hauptsächlich über eigene Erlebnisse. Auch einer der gegenwärtig einflussreichsten Pädagogen aus Deutschland, Hartmut von Hentig , lässt Kinder verschiedenen Alters in seinem Schulentwurf gemeinsam eigene Erfahrungen machen und so lernen.

Erleben Kinder schwierige Situationen – egal, ob in der Schule, beim Spielen oder in der Familie – werden wichtige Individualisierungs- und Reifeprozesse in Gang gesetzt. Die Rolle der Eltern besteht dann darin, ihnen beizustehen und Zuversicht zu vermitteln.

Kinder, die in einer harmonischen Luftblase groß werden, sind oft unsicherer und lernen kaum, mit Frustration umzugehen. Ein Kind, das alle Geschenke bekommt, die es sich wünscht, lernt nicht, zu priorisieren und verpasst die wichtige Erfahrung des Verzichts beziehungsweise der verzögerten Befriedigung – wenn der Wunsch beispielsweise erst im nächsten Jahr erfüllt wird. Ein geduldiges Kind bildet einen stabileren Charakter aus.

Leistungsorientiert

Schon aufgrund der gesellschaftlichen Entwicklung und des medizinischen Fortschritts, geht es den allermeisten Kindern heute so gut wie noch keiner Generation zuvor, meint der Kinderarzt, Entwicklungsforscher und Buchautor Dr. Herbert Renz-Polster: „Sie sind gesund und werden länger leben als alle vor ihnen.“

Gerade deswegen suchen Eltern verstärkt nach alternativen Optimierungsmöglichkeiten. Heute stellen sich mehr Eltern denn Fragen wie: „Entwickelt sich unser Kind richtig? Welche Probleme hat es? Was kann ich an meinem Erziehungsstil verbessern?“

Das eigene Kind soll auf allen Entwicklungsgebieten mit den Durchstartern seiner Generation mithalten. Dabei – so Dr. Renz-Polster – übersehen heutige Eltern zumeist, dass „die Spannbreite der zeitlichen Abläufe tatsächlich die einzige Normalität in der kindlichen Entwicklung (ist)“. Kinder sind kein DAX-Unternehmen, sondern emotionale Individuen.

Schon Friedrich Schleiermachers (1768-1834, Theologe, Philosoph, Pädagoge) Erziehungskonzept von vor 200 Jahren fußte maßgeblich auf der Individualität des Einzelnen.

Ein Kind ist immer nur so glücklich wie seine Eltern

Was auf dem Frühstücksbrettchen steht, gilt heute in vielen Familien als angestrebtes Ideal: Supermama oder Superpapa. Das schließt für viele die Unterdrückung von Gefühlen mit ein. Doch auch damit tut man seinem Sprössling nicht viel Gutes. Emotionen wie Frust, Wut oder Trauer bleiben ihm fremd und der Umgang mit ihnen wird erschwert. Wichtiger ist es, die eigene Authentizität zu bewahren. Wenn Sie Ihren Kindern Ihre Vorstellungen und Gefühle preisgeben und erklären, gibt es dahingehend weniger Berührungsängste oder Konfliktscheu.

„Erziehung ist Beispiel und Liebe – sonst nichts.“  (Friedrich Fröbel, Pädagoge)

Glück folgt keinem Plan. Demnach folgen aus minutiös durchstrukturierter Erziehung  auch nicht automatisch glückliche Kinder. Sie werden nicht glücklich, weil die Eltern alles Unangenehme von ihnen fernhalten und sie zudem stets auf perfekte Leistungen trimmen.

Kleine Rituale schaffen glückliche Erinnerungen für die ganze Familie: Von der Zu-Bett-Geh-Geschichte bis zum Freudentanz beim Sommerregen bieten Familientraditionen die Form der Sicherheit, die glückliche Kinder brauchen.

Darüber hinaus haben Kinder das Recht auf Eigensinn und eigene Aktivitäten. Jedes Kind strebt von selbst nach Leistung und möchte sich am Ergebnis erfreuen. Bei aller Fürsorge sollte dem Nachwuchs stets das entsprechende Maß an Freiheit und Selbstständigkeit zugestanden werden. Schon Friedrich Schleiermacher wusste, dass sich eine zeitgemäße Pädagogik nicht an einem festen Wissenskanon orientieren, sondern auf eine sich wandelnde Welt vorbereiten sollte.

Kinder brauchen freie Bahn für ihre eigene individuelle Entwicklung – so sah es auch Kindergartenerfinder Friedrich Fröbel. Und letztlich kommen eben diese Kinder, die ihren eigenen Weg einschlagen dürfen, auch gern wieder zurück.

 



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