Zocken bis zum Abwinken? Zum Thema Kinder und Medien

Geht es um das Thema Kinder und Medien, ist das Geschrei schnell groß. Da heißt es: Viele Kleinkinder hätten viel zu früh Zugang zu elektronischen Medien! Viel zu viele Kinder säßen zu lange vorm Bildschirm! Die Mehrheit der Kinder dürfe stundenlang durchzocken! Und was das alles mit den Kindern mache … von den Langzeitfolgen mal abgesehen. Ja, Kinder und ihr Umgang mit Medien ist ein schwieriges Thema. Aber können wir es nicht einfach mal runterkochen und versuchen zu akzeptieren, dass die nachfolgenden Generationen grundsätzlich ein komplett anderes Verhältnis zu elektronischen bzw. digitalen Medien haben werden? Ich finde schon. Denken wir doch stattdessen lieber einmal über unsere Vorbildfunktion nach, die wir in Sachen Medien auf unsere Kleinen ausüben, und was wir da gegebenenfalls ändern können.

Ein paar Gedanken zum Thema…

Wieviele Stunden am Tag arbeitet beispielsweise ein Büroangestellter vor und mit Medien? Wieviele Stunden on top hängt er dann noch über seinem Handy, um mit digitalen Freunden in Verbindung zu bleiben oder sein Leben in den besten Nuancen zu dokumentieren? Und wieviele Stunden muss er abends und am Wochenende vor dem TV- oder Netflix-Bildschirm entspannen? Da kommen schnell acht bis zwölf Stunden Medienkonsum pro Tag zusammen! Und dies ist genau das, was wir unseren Kindern vorleben. Erziehung hin, Erziehung her: Meiner Erfahrung nach hören Kinder nicht auf das, was man ihnen sagt oder versucht beizubringen – zumindest nicht gleich beim ersten Mal. Stattdessen kopieren sie eifrig ihre Eltern, sind begeistert von dem, was Mama und Papa alles machen. Denn sie wollen genau so sein wie ihre großen Vorbilder und da fängt das Dilemma dann an… Zudem hat sich die Medienlandschaft in den letzten Jahrzehnten rasant verändert. Versprach im letzten Jahrtausend der Besuch eines Kinos mit riesiger Leinwand noch Aufregung pur, sind heute 4-D-Kinos, Minecraft statt Lego und Apps für jede Lebenslage Standard. Und wer lässt sich nicht verführen von all den bunten Angeboten im Netz, die vieles im Leben so einfach machen oder einfach nur ablenken und Entspannung bringen?

Medien sind Medien

Ebenfalls habe ich diese Diskussionen über die Unterschiede zwischen den Medien satt! Es gibt keine guten und bösen oder weniger gute Medien. Auch ein Buch ist ein Mittel, das ablenken und beschäftigen soll und mit ebenso naher Distanz zu den Augen wie ein Tablet konsumiert wird. Klar verlangt ein Buch dem Leser etwas mehr Hirnaktivität ab als Computerspiele oder ein Film, zu viel Lesen ist aber auch nicht gesund. Ist ein Kind Tag und Nacht nur mit Lesen beschäftigt, kann das Sehvermögen auch darunter leiden und das Kind isoliert sich gegebenenfalls und verliert wichtige soziale Kontakte. Wir zuhause machen kaum Unterschiede zwischen den einzelnen Medienarten, sondern beschränken eher die tägliche Medienkonsumzeit an sich.

Wie viel Medienkonsum ist gesund?

Ob Buch oder Tablet, Handy oder Fernseher – die Dosis macht am Ende das Gift! Zwei Dinge sind in diesem Zusammenhang für mich klar: 1. Eltern sollten die Medienzeiten ihres Kindes unbedingt regeln und auf ein vernünftiges tägliches Maß beschränken. 2. Die analoge Spiel- und Freizeit sollte der digitalen immer überwiegen! Doch wie viel Medienzeit pro Tag ist gesund für unsere Kleinen? Der Familien-Wegweiser des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend empfiehlt beispielsweise folgende Internetzeiten pro Tag: Kinder bis 7 Jahre 30 Minuten, 8- bis 9-Jährige 45 Minuten, 10- bis 11-Jährige 60 Minuten und für 12- bis 13-Jährige maximal 75 Minuten. Ich halte diese Vorschläge für angemessen, wenn sie sich allein auf das Internet und Onlinespiele beziehen.

Wundergeräte Handy & Tablet

Denn schauen wir uns die heute üblichen Geräte einmal genauer an, müssen wir zugeben, dass diese weit mehr Funktionen abdecken als das Surfen im Internet. Handy und Tablet sind zugleich Telefon, Suchmaschine, Spielkonsole, Schreibmaschine mit Telegrammoption, Foto- und Videokamera, Fotobearbeitungs- und Schnittprogramm, Fotoalbum Adressbuch, Taschenrechner u.v.m. Und wollen wir all das unseren Kindern verbieten, nur weil diese Hobbys heutzutage in einem Gerät vereint werden können? Ist Ihr Teenager beispielsweise auf Youtube mit einem eigenen Kanal unterwegs, wird er sicherlich sehr viel Zeit am Handy, PC oder Tablet mit der Kreation, dem Bearbeiten und Hochladen seiner Videos verbringen. Und da reicht eine gute Stunde Zeit am Tag manchmal nicht aus… Mein Kollege aus der IT hat zu diesem Thema einen wunderbaren Tipp: Er lässt seine Kinder Medienzeit erarbeiten, also sich die Zeit mit Aktivitäten verdienen. Für kleine im Haushalt geleistete Dienste können die Kinder beispielsweise Punkte sammeln, die sie dann wiederum gegen Medienminuten eintauschen können. So bleiben Aktivitäten und Medienzeiten bestens im Lot.

Vorbildfunktion überprüfen

Wie bereits angesprochen, sollten wir erst einmal unsere Vorbildfunktion überprüfen, bevor wir unsere Kinder in Sachen Medien reglementieren: Wie schnell greife ich nach der Arbeit zum Handy und hangele mich durch soziale Netwzerke? Wie häufig sitze ich im Home-Office vor dem Laptop und antworte meinem Kind, das mit einer Frage drängelt, mit einem „Ja, gleich.“? Wie lange pro Tag lasse ich mich von Bildern auf Instagram & Co. berieseln? Es ist doch ganz klar, dass selbst ein sechs Monate altes Baby das tolle bunte Ding haben will, mit dem Mama da immer rumspielt! Also gehen wir kurz in uns, schrauben vielleicht unseren Medienkonsum in Gegenwart der Kinder herunter und machen dann unserem Nachwuchs vernünftige Angebote zur Verweildauer mit Handy, TV, Tablet & Co.

PS: Wir haben kürzlich zum immerbrisanten Thema Kinder und Medien eine spannende Interviewreihe gestartet, in der wir Elternblogger befragen, wie sie ihren Kindern den Umgang mit Medien beibringen und die Zeiten vor den Bildschirmen regeln. Lesen Sie hier weiter!

 

 

Über Katrin Lewandowski

PR-Profi und Redakteurin Katrin Lewandowski ist seit 2014 bei Betreut.de im Boot und verantwortet nun auch das Online-Magazin. Als Mutter von zwei Kindern und mit einer älteren Schwiegermama im Gepäck weiß sie genau, wie es sich anfühlt, in der Sandwich-Position zu rudern und wie schwer es manchmal ist, Job und Familie unter einen Hut zu kriegen.


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