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Kinderbetreuung in der Großtagespflege

Tagesvater Stephan Gaberdiel über das Modell

Die Zusammenarbeit mehrerer Tagespflegepersonen in einer Großtagespflege kann sowohl für die Kinder als auch für die Betreuer von Vorteil sein. Wir sprachen über diese Alternative zur klassischen Kindertagespflege.

Stephan Gaberdiel hat mit seiner Kollegin 2008 eine eigene Großtagespflege eröffnet. Sie stellt ein besonderes Modell in der Kindertagespflege dar. Viele Eltern wissen noch nicht genau, was sie sich darunter vorstellen können. Tagespflegepersonen sind sich eventuell unsicher, was es bei einem solchen Zusammenschluss zu beachten gibt. Herr Gaberdiel sprach mit uns im Interview über diese Details.

Das Modell: Die Großtagespflege

Bei der Großtagespflege schließen sich mindestens zwei Tagespflegepersonen zusammen, indem sie gemeinsame Räume anmieten und zeitgleich zusammen mehr als fünf Kinder betreuen. In einigen Ländern muss mindestens eine Tagesmutter oder ein Tagesvater zur pädagogischen Fachkraft ausgebildet sein, wenn mehr als neun Kinder betreut werden. Sind die Kinder älter als drei Jahre kann die Gruppe auch größer sein.

Gaberdiel vermutet hinter dem gesellschaftlich noch umstrittenen Modell den Versuch, „mehr Akzeptanz und Professionalität in der Öffentlichkeit zu demonstrieren“. Kindertagespflege findet schließlich größtenteils im privaten Bereich statt. Für ausgebildete Erzieher ist die Großtagespflege außerdem ein Anreiz, in die Selbstständigkeit zu gehen und nicht zuletzt greift laut Gaberdiel durch die Zusammenarbeit auch das „Vier-Augen-Prinzip“, das  Rechtsstreitigkeiten oder Missbrauch im weitesten Sinne zu verhindern hilft.

Kindertagespflege RegenbogenKindertagespflege Regenbogen

 

 

 

 

 

Was ist hier anders? – Abgrenzung zur klassischen Kindertagespflege

Stephan Gaberdiel weiß genau, welche Unterschiede zur „normalen“ Tagespflege bestehen, denn er arbeitete die ersten fünf Jahre als Tagesvater in seinem Privathaushalt. Gerade Eltern, die ihrem Kind noch keine große Gruppe zumuten wollen, sehen in der klassischen Kindertagespflege eine gute Alternative zur Krippe oder Großtagespflege. Für die Tagespflegeperson fallen außerdem keine zusätzlichen Kosten für Miete an und es gibt keine Konflikte mit Kollegen.

 

Die Erfahrungen von Gaberdiel sprechen aber eher für die Großtagespflege: Er hebt die großzügigen Gestaltungsmöglichkeiten der Betreuungsräume ohne Spielverbotszonen hervor. Noch wichtiger: In besonderen Situationen erhöhter Fokussierung auf ein Kind oder eine Tätigkeit ist die Aufsicht durch die zweite Tagespflegeperson stets gewährleistet. So bleibt auch mehr Zeit für die Zubereitung eines ausgewogenen Mittagessens. „Dieser Aspekt ist in unserer Großtagespflege ein großes Plus, weil die Eltern diese Art des Mittagsessens für ihre Kinder sehr schätzen“, weiß Stephan Gaberdiel. Die individuelle Förderung einzelner Kinder kann so ebenfalls viel besser gewährleistet werden, was gerade in der Eingewöhnungsphase von Bedeutung ist. „Dadurch gelingt  schnell eine gute Bindung und das nötige Vertrauen der Eltern und des Kindes in die Tagespflegeperson.“

 

Wichtig ist für Gaberdiel außerdem die Gelegenheit zum fachlichen Austausch. Zudem kann er nach der Arbeit nach Hause gehen und die Tür abschließen. Auch seine eigene Familie muss sich nicht mehr zurücknehmen, wenn gerade Schlafenszeit ist. „Dadurch“, so Gaberdiel, „sind wir am nächsten Tag ausgeruht und im Kopf frei für unsere Arbeit, denn die Kinder haben ein Recht auf unsere volle Aufmerksamkeit.“

 

Aus Kindersicht „ist natürlich die Chance, einen altersgleichen Spielpartner zu finden, in einer Gruppe mit zehn Kindern höher“. Ein familiäres Umfeld ist in der Großtagespflege „Unser Regenbogen“ weiterhin gegeben: Nachbarn, Freunde, und die eigene Familie sind stets dazu eingeladen, vorbeizuschauen und mitzuspielen. In den Ferien kommen die Kinder der beiden Tagespflegepersonen öfter vorbei.

 

Gaberdiel erhält von Eltern häufiger ein positives Feedback über die Gruppengröße – weder zu groß noch zu klein. Außerdem finden es viele Eltern entspannter, sich beim Bringen und Abholen nicht durch die privaten Räume Gaberdiels bewegen zu müssen und sie bemerken positiv, dass gerade in der Anfangszeit viel Zeit für persönliche Gespräche bleibt.

Wichtig für die Tagespflegeperson

Die wesentlichste Frage, die sich eine Tagespflegeperson stellen muss, ist die der Wirtschaftlichkeit, bemerkt Gaberdiel: „Sind die Miete und anfallenden Nebenkosten durch die Zuwendung des Trägers und über die vorgesehene Auslastung auch zu erwirtschaften und bleibt unter dem Strich genug zum Leben?“

 

Dazu spielen die Frage nach der Infrastruktur, der demografischen Struktur und der Natur in der Umgebung eine Rolle. Von Bedeutung ist auch die Absprache mit Nachbarn und dem Vermieter sowie die gute Auswahl des Kollegen/der Kollegin. Die Vorstellungen von Erziehung, Geschäft und Tagesablauf sollten die gleichen sein. Stellen Sie am besten schon vorab genaue Regeln zur Arbeitsverteilung auf.

Kindertagespflege Regenbogen

Kindertagespflege Regenbogen

Die Voraussetzungen zur Gründung variieren von Bundesland zu Bundesland. Darüber können sich interessierte Tagespflegepersonen beim örtlichen Jugendamt erkundigen. Stephan Gaberdiel beispielsweise musste vorab ein Jahr Praxiserfahrung nachweisen und getrennte Räume für beide Betreuer bereitstellen. Die Räumlichkeiten wurden von einem Jugendamtsmitarbeiter der Stadt Marburg vorab geprüft. Fortbildungen zusätzlich zur Ausbildung als Tagespflegeperson können auch notwendig werden. Bei Erfüllung der Voraussetzungen können die Tagespflegepersonen mit einer Investitionszulage rechnen, die allerdings häufig an weitere Bedingungen gekoppelt ist.

Großtagespflege „Unser Regenbogen“

Corinna und Stephan

Im September 2008 eröffnete die Großtagespflege „Unser Regenbogen“ in Marburg/ Hessen. Seither betreuen Stephan Gaberdiel und seine Kollegin durchgehend zehn Kinder mit einer fest zugeordneten Bezugsperson pro 5er-Gruppe. Die derzeit betreuten Kinder von Stephan Gaberdiel sind zwischen einem und drei Jahren. Er ist selbst Vater einer 20-jährigen Tochter und arbeitet seit 2004 als Tagesvater. Sein vormalig erlernter Beruf war Bäckermeister und Lebensmitteltechniker. Kollegin Corinna, Mutter von vier Kindern, hat sich ebenfalls 2004 vom erlernten Beruf der Radiologieassistentin aus neu als Tagesmutter spezialisiert.



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