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We are family: Insights von Yvonne Woloschyn

Alleinerziehend, Patchwork, Regenbogenfamilie – na und! Wir haben im Rahmen unserer neuen Serie “We are family – vielfältig und bunt wie das Leben” Eltern befragt, die jenseits des klassischen Mama-Papa-Kind(er)-Modells eine Familie haben, wie sie ihren Alltag so meistern und ihre Mitmenschen ihnen begegnen. Lest selbst, was Yvonne Woloschyn zum Thema zu sagen hat!

Patchworkmama

1. Wie hat sich das Familienkonstrukt, in dem du jetzt lebst, entwickelt?

Als ich mich in meinen Partner verliebte, waren wir beide verheiratet und hatten eine Familie. Wir trennten uns von unseren Ehepartnern. Keine leichte Zeit, für niemanden. Nach vielen Gesprächen, teilweise unterstützt durch Mediatoren, kristallisierte sich immer stärker heraus, dass die Kinder bei uns leben würden. Das war aber nicht von Anfang an der Fall. Zu Beginn unseres Patchwork-Daseins lebten unsere beiden Familien getrennt. Wir besuchten uns gegenseitig, teilten aber nicht den Alltag miteinander. Erst nach 2,5 Jahren zogen wir gemeinsam unter ein Dach. Der Weg dorthin war nicht wirklich leicht und einfach. Mittlerweile leben wir seit 6 Jahren zusammen.

Die ersten Jahre waren von vielen Höhen und Tiefen begleitet. Konflikte jeglicher Art begleiteten uns, ob nun mit den Ex-Partnern, der Geschwister untereinander, mit dem Partner über des jeweils anderen Erziehungsstils usw. Heute weiß ich, dass das Alltag in vielen Patchworkfamilien ist. Mich haben diese Konflikte auf den Weg zu vielen Experten gebracht und das Resultat meiner Arbeit ist der 1. Patchworkfamilien-Kongresses.

Wenn ich uns heute als Patchworkfamilie erlebe, ist von den anfänglichen Schwierigkeiten kaum noch etwas zu spüren. Das heißt nicht, dass es bei uns keine Konflikte mehr gibt, aber wir haben einen besseren Umgang damit gelernt. Für mich ist eine Patchworkfamilie eben auch ein Persönlichkeitsentwicklungstraining.

2. Wie reagieren Menschen in deinem Umfeld auf eure Familie? Habt ihr euch jemals diskriminiert gefühlt? Wenn ja, in welcher Situation? Wie seid ihr damit umgegangen?

Wenn ich von unserer 7-köpfigen Patchworkfamilie erzähle, schaue ich meistens in begeisterte Gesichter. Als Patchworkfamilie haben wir uns nie diskriminiert gefühlt.

Eine Art Diskriminierung habe ich in der Trennungsphase, die dem Konstrukt Patchworkfamilie vorauseilt, erlebt. Es dauerte nicht lange und es schwappte eine Woge an Schuldzuweisungen von allerhand Moralaposteln über uns. Wir würden zwei Familien zerstören, hätten unsere Partner betrogen und seien egoistisch. Schuld ist ein wunderbares Bindungs- und Manipulationsmittel, das gerade die Menschen, die anderen Schuld zuweisen, dazu verleitet, sich selbst aus der Verantwortung zu stehlen. In Familien oder auch auf Schulhöfen und Kindergärten wird nahezu täglich das Täter-Opfer-Spiel gespielt. Selten wird nach den eigenen Anteilen geforscht, die zu einer Konfliktsituation beitragen. Selten wird nach den unerkannten Gefühlen und den unerfüllten Bedürfnissen gesucht, die zum Konflikt führen, geschweige denn nach einer Lösung mit der sich alle Beteiligten wohl fühlen, ohne dass jemand schuldig gesprochen werden muss.

In meinen Augen ist der eigentliche Betrug nicht die Tatsache, dass man sich in jemand anderes verliebt hat. Betrug ist, wenn der Partner davon nie erfährt, man zu feige ist, sich diese Liebe einzugestehen, sie verleugnet und aus welchen Gründen auch immer mit seinem Partner zusammenbleibt, obwohl das Herz für jemand anderen schlägt.

Das Bild von Mutter, Vater und Kind als einzig erstrebenswerte Familienform führt dazu, dass man bei Trennungen von der sogenannten „zerbrochenen“ Familie spricht. Und die hat nach wie vor ein negatives Image. Das Gefühl, versagt zu haben, Scham und Schuld schwingen immer mit. Dabei ist das Bild der „zerbrochenen“ Familie nur eine Wertung. Und welchem Wert wir welchem Ereignis geben, entscheiden wir selbst. So könnte ich zum Beispiel sagen: Die Beziehung zwischen meinem Exmann und mir hat sich verändert. Wir sind weiterhin verbunden, als Familie.

Unsere Familie ist deshalb nicht zerbrochen, sie hat sich quasi massiv erweitert. Da sind zwei neue Partner und deren Familien hinzugekommen. Wir alle zusammen auf einem Familienfest bilden eine kleine Volksansammlung.

Woran sich viele Menschen außerdem noch stoßen, ist die Tatsache, dass die Mutter meiner Bonuskinder ihre Kinder zurückgelassen hat. Wenn Väter nach einer Trennung ein neues Leben beginnen und selten für die Kinder da sind, ist das in unserer Gesellschaft kein großes Aufsehen mehr wert. Tut das aber eine Mutter, stößt das auf großes Unverständnis. Es sind nach wie vor die Klischees, die unser Denken massiv beeinflussen, selbst bei sehr reflektierten Menschen. Das erstaunt mich immer wieder.

3. Auf einer Skala von 0 bis 10: Wie sehr empfindest du dein Familienmodell als von der Gesellschaft akzeptiert?

(0 = überhaupt nicht akzeptiert, 10 = vollständig akzeptiert)

Gesellschaftlich ist das Modell Patchwork gefühlt bei einer 8 bis 9 angekommen. Patchwork gab es immer und wird es immer geben.

Politisch würde ich sagen hinken wir auf einer 2 hinterher. Hier gibt es noch genug zu tun. Schauen wir uns nur die aktuelle Diskussion über den Unterhalt an oder auch das Wechselmodell. Ich bin kein Freund von Standardlösungen. Die werden nie allen Beteiligten gerecht. Irgendjemand muss immer einen hohen Preis dafür zahlen. Was in meinen Augen auf politischer Ebene fehlt, ist ein offeneres Verständnis für diverse Familienformen. Und nach einer Trennung gilt in Deutschland immer noch: Einer zahlt, der andere kümmert sich um die Kinder.

Wir brauchen dringend ein Helfernetzwerk für Familien, beispielsweise Mediationsgespräche für Streithähne und mehr Zusammenarbeit zwischen Behörden, Pädagogen, Mediatoren, Richter und Anwälten.

Es fehlen die politischen Grundlagen für bunte Familienformen. Gelten wir als alleinerziehende Eltern, wenn wir geschieden sind und mit einem neuen Partner zusammenleben? Steht mir die Steuerklasse 2 zu? Nicht wenn ich mit meinem Partner unter einem Dach lebe, dann gilt er als erziehungsberechtigte fungierende Person. Erziehungsberechtigt sind und bleiben aber nach wie vor die leiblichen Eltern. Mein neuer Partner hat hier keine Rechte. Darf ein Kind auch zwei Hauptwohnsitze haben? …

Ich könnte die Liste der offenen Fragen noch endlos weiterführen. Tue ich aber nicht, weil ich mich viel lieber auf meine aufklärende Arbeit als Patchworkmama konzentriere. Was wir brauchen, sind offene Herzen und neue Lösungsansätze. Familie kann so groß und bunt sein, wie das Leben selbst. Es gibt kein Ideal, es gibt nicht das perfekte Familienmodell. Wir stehen vor einer neuen Zeit, vielleicht stecken wir schon mitten drin. Und diese Zeit braucht neue, kreative Wege, die wir beschreiten dürfen.

Patchworkfamilie

Über Yvonne Woloschyn

Yvonne Woloschyn, Initiatorin des ersten Patchworkfamilien-Kongresses, lebt seit Jahren in einer Patchworkfamilie mit fünf Kindern unter einem Dach. Und da das Leben innerhalb einer Patchworkfamilie nicht immer einfach ist und oft Konflikte vorprogrammiert sind, hat sie als Patchworkmama ihren Blog ins Leben gerufen. Außerdem hat sie sich auf den Weg zu diversen Experten gemacht, um herauszufinden, wie man das Leben in einer Patchworkfamilie leichter und harmonischer gestalten kann. So ist deutschlandweit der erste Patchworkfamilien-Kongress im Internet entstanden.

Liebe Elternblogger, macht mit!

Familie ist etwas Einzigartiges und sieht für jeden Menschen anders aus. Wir wollen wissen, wie das bei Euch ist. Deshalb rufen wir alle Elternblogger, die sich in unseren Interviews wiederfinden, auf: Meldet euch bei uns unter julia.schambeck@care.com! Erzählt uns von euren Familien, euren Erfahrungen und eurem kleinen persönlichen Glück.

Alle Leser ohne eigenen Blog können uns gern in einem Kommentar unter diesem Artikel erzählen, was ihre Familie für sie so einzigartig macht. Wir sind gespannt auf Eure Geschichten!

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