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Lernen in jedem Lebensalter

In welchem Alter lernt es sich am besten?

„Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr?“ Die Erkenntnisse in der Gehirnforschung haben sich verändert und so kann das Lernverhalten in jedem Alter neu bewertet werden.

Kindheit

Das menschliche Gehirn entwickelt sich schon im Mutterleib so weit, dass es Informationen aufnehmen und verarbeiten kann. Gefühle wie Schmerz können schon vernommen werden. Ansonsten fängt das Neugeborene aber nach der Geburt bei null an. Das Gehirn kann in diesen Monaten maximal wahrnehmen und reagieren. Diese gewissermaßen leere Festplatte ermöglicht dem Menschen aber, sich an jede Umgebung anzupassen. Ein Säugling kann potenziell alles erlernen.
In den Folgejahren leistet das Gehirn Selektionsarbeit. Entsprechend der Erfahrungen und Eindrücke aus der Umwelt werden einige Verbindungen – auch Synapsen genannt – gestärkt, andere abgebaut. Dabei ist das Gehirn eines Dreijährigen doppelt so aktiv wie das eines Erwachsenen. Das Langzeitgedächtnis bildet sich langsam ab dem dritten bis vierten Lebensjahr heraus. Daher kann sich niemand an seine früheste Kindheit erinnern. Mit sechs Jahren folgt die Phase intellektueller Reife. Nun reift der Stirnlappen, was logisches Denken, Urteilsfähigkeit, Rechnen und „vernünftiges“ Verhalten fördert.

Jugendalter

In den ersten zehn Lebensjahren geht das Lernen schneller voran. Danach verlangt es mehr Anstrengung vom Gehirn ab. Das liegt daran, dass die relevanten Synapsen in der früheren Kindheit schon grob festgelegt wurden. Ganz neue Verbindungen werden jetzt seltener hergestellt. Das Lernen in Bereichen, die als Kind schon beansprucht wurden, fällt leichter. Wenn ein Kind also beispielsweise bilingual aufgewachsen ist, wird es neue Sprachen künftig schneller erlernen können.
Ein Heranführen an verschiedenste Lebensbereiche kann für ein Kleinkind also nur förderlich sein, denn so gibt es später mehr Bereiche, in denen als Jugendlicher oder Erwachsener Fortschritte gemacht werden können.
Für ein erfolgreiches Lernen in Jugend- und Erwachsenenalter muss während der Kindheit begriffen worden sein, wie man sich selbst etwas aneignet. Die selbstständige Planung und Überprüfung des eigenen Lernprozesses sowie das Erkennen eigener Stärken und Schwächen sind Grundlagen hierfür. Letztlich ist der IQ nur zu 50 Prozent genetisch bedingt. Der Schulerfolg hängt nur zu 20 Prozent vom Erbgut ab.

Erwachsene

Der demografische Übergang ist auch in der Entwicklungspsychologie angekommen: Dort geht man heute davon aus, dass das junge Erwachsenenalter bis zum 45. Lebensjahr dauere. Das mittlere Alter dehnt sich bis zum 65. Lebensjahr aus. Erst danach gilt der Mensch heutzutage als „alt“.

 

Und auch die Entwicklung des Gehirns hört bis zum Tod nicht auf. Sicherlich wird die „Festplatte“ im Kindesalter vollkommen neu bespielt. Daher wird eine größere Zahl an neuen Verknüpfungen hergestellt. Doch auch im Erwachsenen- und Seniorenalter eliminiert das Gehirn nach wie vor unnötige Synapsen und verstärkt häufig benutzte. Entgegen der vormals verbreiteten Behauptung entstehen auch im hohen Alter noch neue Verbindungen. Diesen Vorgang nennen Forscher „Plastizität“.
Ralf Krampe, Forscher für Motorik am Zentrum für Entwicklungspsychologie der Universität Leuven, weiß: „Man kann das Gehirn trainieren wie einen Muskel – das ganze Leben lang“. Im höheren Alter dauert die Neuvernetzung nur etwas länger, denn alles, was Erwachsene neu lernen, bedeutet für sie ein „Verlernen“ und Uminterpretieren von bereits vorhandenen Kenntnissen und eine Arbeit an eigenen Einstellungen.

Es ist nie zu spät, neu anzufangen

Die Denkweise „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ ist  überholt. Ein Erwachsener lernt nicht schlechter als ein Kind. Er lernt lediglich anders: Während Kinder ausprobieren und nebenbei lernen, möchten Erwachsene zuerst den Sinn hinter dem Lernstoff verstehen. Außerdem kommt für die Kleinen immer ein Schritt nach dem anderen. Erwachsene können auch mal einen Lernschritt überspringen oder auf der anderen Seite im Lernprozess stagnieren. Letztlich macht Übung in jedem Alter den Meister, denn nur so lassen sich die neuen Synapsen im Gehirn festigen und schneller abrufen – ganz egal, ob es ums Klavier- oder Bridgespielen, Fahrradfahren oder mathematisches Formelwissen geht.

 

 

 



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