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Mit Kindern über das Thema Behinderung sprechen

Wenn es um den Umgang mit Behinderung geht, gibt es viele Unsicherheiten. Wie sie mit Ihren Kindern frühzeitig über das Thema sprechen können, lesen Sie hier…

Wir sind alle verschieden

Ein Ziel von Inklusion ist es, dass alle Menschen Anspruch auf den gleichen Zugang zu Bildung haben müssen. Dazu zählt natürlich auch, dass Kinder mit einer Behinderung genau die gleichen Chancen haben wie Kinder ohne eine Behinderung. Daher beginnt Inklusion nicht erst in der Schule, sondern bereits im Kindergarten. Auch deswegen ist es besonders wichtig, frühzeitig mit Kindern über das Thema zu sprechen.
Es gibt natürlich viele unterschiedliche Formen von Behinderungen. Manche sind offensichtlicher als andere: Bei einem körperbehinderten Kind, das auf einen Rollstuhl angewiesen ist, ist die Behinderung schneller ersichtlich als beispielweise bei einem autistischen Kind.

Inklusions-Expertin Lisa Reimann (www.inklusionsfakten.de) rät dazu, dass Kindern die Begegnung mit Menschen, die sich von ihnen unterscheiden, ermöglicht werden sollte: „Kinder sind vor allem neugierig. Sie wollen wissen, wieso jemand nicht spricht, einen Stock benutzt oder bei bestimmten Dingen Hilfe braucht. Daher gilt es, Kinder über die Sache an sich zu informieren. Julia fährt Rollstuhl, weil sie ihre Beine nicht bewegen kann oder Murat ist blind auf die Welt gekommen. Man sollte aber nicht das ,Nicht-Können‘ fokussieren, sondern auch das, was der Mensch mit Behinderung kann oder eben anders handhabt, bspw. die Hilfe durch ein Gerät thematisieren.“

Keine Berührungsängste

In Gruppen von Kindern (Schule, Freizeit etc.) mit und ohne Behinderungen lernen sich alle mit ihren unterschiedlichen Fähigkeiten und Bedürfnissen kennen. Die Kinder erfahren im täglichen Miteinander, was zusammen möglich ist und was einzelne brauchen. Alle Kinder lernen, dass es normal ist, verschieden zu sein.

„Wichtig ist auch, Kindern einen empathischen Zugang zu Vielfalt zu ermöglichen und auf Gemeinsamkeiten hinzuweisen“, erklärt Lisa Reimann. Eltern könnten zum Beispiel erklären: „Julia fährt Rollstuhl. Daniel läuft. Beide lieben die Hofpause. Beide sind traurig, wenn sie sich mit Freunden streiten. Wichtig ist es, Kindern Verhaltensweisen zu erklären, anstatt dass ein Kind mit so genannter ,geistiger Behinderung‘ einfach als unangepasst, behindert oder verrückt abgestempelt wird. Kinder lernen dann sehr schnell, dass es Verhaltensweisen gibt, bspw. plötzliches Schreien, die man nicht immer gleich versteht.“

Nicht zuletzt aus diesem Grund, fällt es vielen Kindern leichter, ganz selbstverständlich mit behinderten Gleichaltrigen umzugehen als so manchem Erwachsenen. Aber auch Kinder aus nicht inklusiven oder integrativen Betreuungszusammenhängen sind oft weniger gehemmt und haben intuitiv weniger Berührungsängste als ihre Eltern, die sich häufig eher Sorgen darüber machen, etwas falsch zu machen, möglicherweise gar aufdringlich oder unsensibel zu erscheinen.

Thema Sprache: Welche Begriffe sind in Ordnung?

Wichtig ist beim Thema Behinderung auch die Sprache, sagt Lisa Reimann. „Um sprachliche Diskriminierungen zu vermeiden, lohnt es sich, die Worte und Begriffe zu erfragen, die die Kinder/Jugendlichen selbst verwenden. Manche Menschen sagen, sie möchten, dass man ,taub‘ sagt, andere finden das Wort ,gehörlos‘ besser. Wenn ein Kind sagt: ,Das ist mein Rolli‘, dann ist Rolli die Bezeichnung, die dem Kind wichtig ist und die verwendet werden sollte. Bezeichnungen wie anders oder normal sollten vermieden werden, da sie Ausschluss produzieren können. Wer ist schon normal? Was ist eigentlich anders? Behinderung sollten als ein Teil von Vielfalt begriffen werden und nicht als Abweichung dargestellt werden. Daher sollte man einschließende Formulierungen verwenden. Grundsätzlich gilt: Beschreiben statt Zuschreiben.“

Achten Sie als Eltern auch immer darauf, wie sie selbst auf Menschen mit Behinderung reagieren: Kinder spüren nämlich intuitiv, wie die Eltern sich gerade fühlen. Wenn Sie sich nervös, ängstlich oder unangenehm in der Nähe von Menschen mit Behinderungen fühlen, dann werden sich ihre Kinder schnell genauso fühlen.

Versuchen Sie stattdessen, Ihren Kindern folgende grundsätzliche Überlegungen mit auf den Weg geben:

• Menschen sind unterschiedlich – einige Unterschiede sind nur mehr bemerkbar.
• Wir alle sind sehr verschieden, haben unterschiedliche körperliche und psychische Voraussetzungen. Verschieden zu sein bedeutet deshalb, mit individuellen Einschränkungen leben zu müssen und dafür andere Fähigkeiten erwerben zu können.
• Eine Behinderung ist nur eine Facette einer Person. Menschen haben viele Facetten: Vorlieben und Abneigungen, Stärken und Schwächen.
• Kinder mit Behinderungen wollen genauso wie jedes andere Kind respektvoll behandelt werden, Freunde finden und mit einbezogen werden.
• Nur, weil jemand eine körperliche Behinderung hat (wenn ein Teil oder Teile des Körpers nicht gut funktionieren) bedeutet das nicht, dass sie notwendigerweise eine kognitive (geistige) Behinderung haben.
• Kinder mit Behinderungen können viele der Dinge tun, die Ihr auch Kind tut. Manchmal bedarf es dafür jedoch einer speziellen Ausrüstung (Rollstuhl, Sprachcomputer) oder einer Person (z.B. Schulbegleiter), um ihnen zu helfen.

 

Inklusionsfakten Lisa ReimannZur Person Lisa Reimann

Lisa Reimann ist freie Dozentin für Inklusion und Bloggerin. Auf www.inklusionsfakten.de stellt sie Vorbehalten gegenüber inklusiver Bildung Fakten, Best-Practice-Beispiele, die Menschenrechtsperspektive und Quellen zu Bildungsstudien entgegen.



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