Späte Eltern

Spätes Elternglück

Ein Kind in der zweiten Lebenshälfte

Immer mehr Paare entscheiden sich erst dann für ein Kind, wenn sie sich beruflich etabliert haben. Der Trend zur späten Elternschaft bildet ein neues biologisches Muster in Deutschland und setzt sich weiter fort.

Anteil später Eltern steigt

Späte Eltern sind heutzutage keine Ausnahme. Viele Frauen entscheiden sich ganz bewusst dafür, erst in der zweiten Hälfte ihres Lebens ein Kind zu bekommen. Sie wollen sich erst eine berufliche Karriere aufbauen, sich ausleben, reisen, unabhängig sein. Häufig haben sie bis zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht den richtigen Partner gefunden, mit dem eine Elternschaft vorstellbar ist. Daher wird die Familienplanung aufgeschoben, bis die Lebensumstände so günstig wie möglich für ein Kind scheinen. 1961 bekamen verheiratete Frauen im Durchschnitt mit 25 Jahren ihr erstes Kind. 2011 lag das Durchschnittsalter bereits bei 30 Jahren[1]. Statistisch betrachtet, haben späte Mütter und Väter in der Regel beide studiert und arbeiten bereits bald nach der Geburt wieder in hoher Stundenzahl in gut bezahlten Jobs – und zeichnen sich durch besondere Fürsorge aus. „Je gefestigter Mütter und Väter sich in ihrer Biografie fühlen, desto stabiler sind das Wissen und die Werte, die sie vermitteln“, so der Soziologe Hans Bertram im Interview mit dem „Spiegel“.

Schwanger mit 40

Sabine hatte sich im Gegensatz zu vielen Frauen nicht bewusst für eine späte Schwangerschaft entschieden. Sie ist 40 Jahre alt und bereits seit 20 Jahren die rechte Hand des Betriebsleiters bei einem Maschinenbauunternehmen, als sie gemeinsam mit einer Kollegin im Büro einen Schwangerschaftstest macht. „Meine Kollegin sagte damals zu mir: Du hast doch irgendwas – ich wette, du bist schwanger!“, erinnert sie sich. Als sie schließlich tatsächlich den positiven Schwangerschaftstest in der Hand hält, ist sie erst einmal schockiert. „Ich hatte eigentlich schon mit der Vorstellung abgeschlossen, Mutter zu werden. Obwohl viele meiner Freundinnen bereits Kinder hatten, hatte ich nie das Gefühl, etwas zu verpassen. Ich war vielmehr schnell von deren plärrenden Kindern genervt und hatte überhaupt gar keine Vorstellung von mir als Mutter“, erzählt sie lachend.

 

Ab 35 Jahren gilt jede Schwangerschaft grundsätzlich als Risikoschwangerschaft. Das Risiko für das Auftreten chromosomaler Störungen wie Trisomie-21 („Down Syndrom“) steigt mit zunehmendem Alter der Mutter stark an. Andere Risiken, wie beispielsweise eine Frühgeburt, sind bei 35-40jährigen Schwangeren dagegen sogar geringer als bei einer zwanzigjährigen werdenden Mutter. Vor allem bei umfassender ärztlicher Betreuung haben Spätgebärende eine ebenso gute Chance, ein gesundes Kind zur Welt zu bringen. Hinzu kommt, dass reife Mütter in der Regel alle Vorsorge-Untersuchungen besonders gewissenhaft wahrnehmen und bei Beschwerden eher zum Arzt gehen, so dass Risiken schneller erkannt werden.

Reife Eltern: Vor- und Nachteile

Mittlerweile ist Sabine 63 Jahre alt, ihre Tochter, zu der sie ein sehr enges Verhältnis hat, ist erwachsen. Vorteile einer späten Mutterschaft sieht Sabine vor allem darin, dass man seine Jugend bereits ausgelebt hat und dass man die finanziellen Mittel für die Betreuung durch einen Babysitter leichter aufbringen kann. Auf die große Aufregung, Mutter zu werden, hatte ihre späte Schwangerschaft jedoch keinen Einfluss. „Ich war genauso aufgeregt und ängstlich, wie eine 20-Jährige, die ihr erstes Kind erwartet. Ich wusste ja ebenso wenig, was auf mich zukommt.“ Aber auch gewisse Nachteile und Ängste gesteht Sabine ein: „Ich hatte die Befürchtung, nicht mehr so gut Schritt halten zu können wie eine junge Mutter. Wild über den Fußballplatz sprinten – da wäre ich wohl schnell an meine Grenzen gestoßen! Deshalb war ich dann auch ganz froh, eine Tochter bekommen zu haben.“

 

Sabine hat es nie bereut, mit 40 Jahren Mutter geworden zu sein, jedoch bedauert sie etwas anderes: „Wenn man selbst sehr spät schwanger wird, sind die eigenen Eltern natürlich auch schon älter. Ihren Großvater hat meine Tochter daher leider nie kennen gelernt. Da die Oma das hohe Alter von 93 Jahren erreichte, konnten sich beide noch aneinander erfreuen – auch, wenn die Oma bereits nicht mehr allzu viel mit dem Kind unternehmen konnte.“ Ein großes Stück des Familienlebens nehme man dem eigenen Kind durch eine späte Geburt einfach weg.

Mit Hindernissen zurück in den Beruf

Der Wiedereinstieg in den Job nach der Elternzeit bereitete der frischgebackenen Mutter damals einige Schwierigkeiten. „Zwar hatte ich bereits 20 Jahre Berufserfahrung auf der Haben-Seite, war jedoch bereits Mitte Vierzig, als ich wieder auf Jobsuche ging. Nicht gerade das beste Einstellungskriterium“. An ihren alten Arbeitsplatz konnte Sabine nicht zurückkehren, da die Firma mittlerweile kurz vor dem Aus stand. Und die Jobsuche gestaltete sich auch aus einem anderen Grund schwierig: „Als ich damals in Elternzeit ging, waren PCs im Büro gerade im Kommen. Als ich schließlich wieder ins Berufsleben zurück wollte, hatte sich auf diesem Gebiet eine enorme Entwicklung vollzogen, die komplett an mir vorbeigegangen war. Ich hinkte der Technologie weit hinterher.“ Sabine absolvierte einen PC-Kurs und ein Bewerbungstraining und arbeitete schließlich in Teilzeit in einem vom Arbeitsamt vermittelten Job. An den unbefristeten Vollzeitjob, in dem sie heute arbeitet, sei sie aber trotzdem nur durch die Hilfe von Bekannten gekommen.

 

Allen Paaren, die sich noch jenseits des optimalen biologischen Alters ein Kind wünschen, rät sie, diesem Wunsch nachzugeben und sich auf eine späte Elternschaft einzulassen – denn auch mit reiferem Alter sei ein Kind eine wunderschöne Erfahrung: „Festivitäten wie Weihnachten, Geburtstage und Ostern bekommen mit einem Kind wieder den Zauber zurück, den man mit 40 schon so gut wie vergessen hat. Alles wieder durch Kinderaugen zu sehen, hält so jung wie nichts anderes.“

 

[1] Thimm, Katja: Oh, Baby! in: Der Spiegel Nr. 17 (2014), S. 35.



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